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Nummer Drei lebt

  • Veröffentlicht: Dienstag, 17. Juni 2008 17:34
  • Geschrieben von Robert Heinig

- oder: Eine gute Nachricht und eine Schlechte -

Samstag, den 14.06.2008: Eine Gruppe aus drei unentwegten Herren im sogenannten besten Alter (Summe:140a) macht sich auf den Weg, ein Gerücht zu klären: Jenes, daß einer der berühmtesten Tropfsteine Europas, der "Tripode" im Verneau-System, Vandalen zum Opfer gefallen sei. Ausgerüstet mit Zeit, Willen, Material (um den Fixseilen gesundes Mißtrauen entgegenbringen zu können), photographischen Geräten (für das Beweisphoto) und einer aktuellen Tageszeitung (auch für das Beweisphoto) brechen sie gegen Mittag auf, den Berg hinan, zur röhrenförmigen Öffnung der "Grotte Baudin".

Der Weg in der Höhle ist mühsam aber ohne außergewöhnliche technische Herausforderungen. Abwechslungsreich, grandios, nervenzehrend und manchmal auch einfach nur wunderschön zieht er sich ein paar Stunden hin. Keiner von uns ist das erste Mal hier, wir gucken nicht ein einziges Mal auf den Plan (den wir eh nicht dabeihaben) und verlieren keine Energie mit Umwegen (zugegeben, Umwege sind wir gegangen, aber nicht aus Ignoranz).

Die lange Schlufserie der Grotte Baudin bringt man schnell hinter sich (immerhin steht im ehemaligen "baignoire" mal wieder Wasser - vor gewissen Erdarbeiten soll dies ein ganz besonderes Schlammvergnügen gewesen sein). In der Salle Hope wird das Geschirr angelegt, hinten links kriecht man in das kleinste Loch, um nach ein paar Windungen den ersten kleinen Schacht der alten Strecke abzuseilen. Erstes Forschungsergebnis: Das P11-Seil ist kürzlich erneuert worden und vertrauenswürdig. Einer der besten Momente des Tages: sich hier nach dem "Seil frei!"- Ruf zu bücken.

Der sogenannte "Shunt" befindet sich direkt zu meinen Füßen. Erst am 13.08.1999 wurde diese Abkürzung von einer Gruppe des GSD geöffnet und erst am 23.10.1999 wurde sie eingeweiht (d.h. sie wurde erstmals zur Befahrung des Collecteurs bis zur "Oreille" verwendet). Die Vorgeschichte geht auf einen Trupp Belgier zurück, die 1994 den Luftzug in einem 10cm großen Loch bemerkten und bis 1998 die nachgeholfene Korrosion vorantrieben, bis immerhin ein Lichtschein von der anderen Seite sichtbar wurde. Auch hier war die Kommunikation zwischen den Gruppen mangelhaft, aber für die komplette Version dieser spannenden Geschichte verweise ich lieber auf GSD: "Nos Cavernes No.18" (2005).

Ohne den Shunt muß man der Schachtserie weiterfolgen (R5,P10,P6) und landet in einem großen Becken des Verneau. Flußaufwärts gibt es eine Absenkung der Decke, die bei steigendem Wasserstand früh schließt, früher wurde vor jeder Befahrung ein Spit im Portal des Wiederaustritts kontrolliert, um zu beurteilen, ob diese Passage offen war. Im Anschluß schwamm man gegen den Strom in einem weiteren großen Becken auf einen großen Wasserfall zu und mußte irgendwie diesen hinauf... Nun seilt man vom Röhrenende ein paar Meter ab, pendelt in eine Traverse, hangelt sich an einem 50m-Stahlseil entlang und hat dann den Halbsiphon, die Becken und den Wasserfall umgangen. Notiz: Seil Shunt->Traverse alt aber noch OK, Stahlseil der Traverse frisch erneuert und sehr gut geführt (Wenn ich da an letztes Mal denke schaudert es mich noch nachträglich).

Wer bis hierher noch nicht erraten hat, warum das Bücken am P11-Fuß so Spaß macht: Das ohrenbetäubende Rauschen des Wasserfalles wird bei leichtem Hochwasser, wie wir es hatten, geradezu in die Röhre des Shunts hineingebündelt und geht direkt in die Eingeweide. Leider war diesmal die Bewetterung sehr schwach, die wird dort nämlich genauso gebündelt (und verdoppelt ihre Geschwindigkeit sobald man drin liegt).

Nach ein bißchen aquatischer Turnerei durch die "Galerie des Marmites" landet man in der "Salle Nanette" zur Pause auf den großen Versturzblöcken. Der Collecteur bleibt groß, laut und naß man durchläuft die "Salle Fournier" und "Salle Blanche" bevor man den Abzweig links die Sinterkaskade hinauf nimmt. Wer geradeaus läuft darf am Siphon umdrehen, man hat aber gleich mehrere Möglichkeiten, in die fossile Umgehung zu gelangen. Ein markanter Richtungswechsel in diesem Zustieg zur "Salle Christian Devaux" heißt "Oreille" und man sieht sofort warum. Dieses "Ohr" ist etwa einen Meter groß und wird durch gebogene, schön gerausgearbeitete Schichtpakete charakterisiert.

Die eben erwähnte Halle, die "Galerie des Blocs", "La Plage", die "Salle des Momies" und ihre Zwischenstücke sind eigentlich ein einziger riesiger fossiler Gang. Durch Verstürze, Gucklöcher in die unterlagernden Teile, die teils prekär umklettert werden, und ein wenig Sinter an den Decken wird dieser zu einem kurzweiligen Spaziergang. Kurz bevor man wieder den Collecteur erreicht folgt ein weiteres Highlight: der temporäre See, auf den Topos nicht zu sehen, heute aber die längste Schwimmstrecke. Die Decke kommt bis auf zwei Handbreit herunter, da wir aber die Überlaufschwelle soeben passiert haben und mit Gewittern nicht zu rechnen ist gehen wir weiter. Es folgt noch ein kleines Schwimmbecken, wo sonst ein tiefes Loch ist, dann führt eine Röhre, man hört es schon lange, wieder in den Deckenbereich des Collecteurs: zum "Puits Balot", 7 Meter abseilen, wieder prüfen wir das Fixseil genau bevor wir uns ihm anvertrauen. Es hängt ja auch noch eine Alusprossenleiter, auch die Hochwassermarken über den Dübeln schrecken uns nicht...

Nach wenigen Metern Turnerei im Collecteur geht es gleich wieder links raus, den nächsten Siphon umgehen. Die fossile Umgehung, "Galerie des Plaquettes" ist großteils eine 3m-Röhre mit von Verbruch in Form kleiner Platten bedecktem Boden: "walking passages"? "running passages"! Diese endet im Puits du Légionnaire, einer 11m-Stufe hinunter in den Collecteur. Dieses Fixseil war letztes Mal im ärgsten Zustand, ich prüfe genau: Es ist nicht dasselbe, aber auch 8 Jahre alt. Dazu ist es ab der Umsteigstelle straff gespannt weil sich die Endknoten in einer Spalte verfangen haben. Unser 15er Seil reicht natürlich nur bis zum Zwischenbalkon, also turne ich wieder rauf und hänge unseres ab Umsteigstelle ein. Das paßt gut, denn das Fixseil ist oben natürlich in wesentlich besserem Zustand als unten, wo die Hochwässer öfter mal mit ihm spielen.

Auch diesmal ist der Weg im Collecteur nicht lang, Michael rennt vor und am direkten Weg Richtung "Tripode" prompt vorbei (wenn man es kennt ist die Stelle recht leicht zu sehen, wenn nicht, übersieht sie jeder). Es folgt ein Versturz, der zur "Salle Belauce" (immerhin ca 40x20m) gehört. Diese liegt links oberhalb des Collecteurs und schüttet gewissermaßen Verbruch in diesen hinein. Ganz hinten am nordöstlichen Ende kann man den Versturz bequem durchkrabbeln und links rauf auf den Gipfel der Versturzpyramide klettern. Hier verzichten wir auf eine Abkürzung zum Tripode: auf der Nordseite der Halle führt ein flacher Gang gerade mal 20m lang direkt hin, ich bin aber schon beim letzten Mal dort nach kurzem Schnuppern umgekehrt: Zu jungfräulich, teils hochfragil aussehende Sinterplatten am Boden, deren Lehmunterlage schon weggespült wurde.

Also den langen Weg: Auf der anderen Seite des Verbuchhaufens wieder runter zu einem kleinen Raum mit einer Schlammpfütze, von dieser wieder steil hinauf über den weit regelmäßigeren Boden der "Salle des Maccaronis", hier muß wohl mal Sinter die Schräge verfestigt haben, und durch einen schmalen Verbindungsgang in den nächsten Raum. Hier ist die linke Wand ein richtig eindrucksvoller großer Sinterbauch, der oben spitz zuläuft - hier gibt es eine überlagernde Halle, die man erreicht indem man am "Schwimmbad" links abzweigt, aber die Verbindung (es fehlen nur wenige Höhenmeter) ist wohl zugesintert. Hier fängt nicht nur der bombastische Sinter an, auch die Befahrungsspuren konzentrieren sich, der Boden ist von vielen Füßen zu schön klebendem Schlamm durchgewalkt, jeder Fußtritt bleibt für die Nachwelt sichtbar erhalten, ob nun mit Sohlenprofil oder als Rutschspur.

In dem nun wieder nordöstlich führenden Gang zeigt der Plan "fentes de dessication" (Trocknungsrisse, der Rechtschreibfehler ist original), doch davon ist nichts mehr zu sehen. Nichts ist trocken, die Fußspuren verteilen sich viel zu breit. Man watet noch durch zwei flachere Becken bevor man das letzte Becken erreicht, tief, also links halten, dann steht man nur bis zur Hüfte im Wasser (und bis zu den Knien im weichen Schlamm). Dafür entschädigt der Sinterschmuck rundum und über den Köpfen, es gibt einen massiven säulenartigen Stalaktiten, der in die Wasseroberfläche eintaucht, einen Sinterrand von einem ehemals höheren Pegel inklusive mit phreatisch gewachsenen Knollen verzierter Stalaktiten, eine "Meduse", die man auch genau von unten bewundern kann, große Sinterbuckel hinten links...

Nur - wo geht's hier weiter? Der Trick: Becken umrunden, hinten rechts in der Ecke reicht der Lehm an die Wand, obendrüber Sinter - und in dem Lehm ein (natürlich Wassergefülltes) Loch. Wenn man die Beine dort hineinstellt, hat man genug Platz, sich so hineinzudrehen, daß man sich nach oben zwischen Sinterbäuchen hochstemmen kann und eine vorher vom Sinter verdeckte Ecke des Raumes erreicht, in dem von rechts eine kleine Sinterkaskade runterkommt. Diese noch hinauf, durch einen (vom Sinter so engen) Spalt zwängen, und der erste Teil der heutigen Aufgabe ist erfüllt:

Er steht noch.

Übrigens: Wer nur Photos vom Tripode kennt und das erste Mal dort ankommt, ist erstaunt, wie klein er doch ist: Gerade mal hüfthoch - wenn die Hüfte einer sehr kleinen Person gehört. Andererseits ist das für einen Excentrique wieder ganz schön groß, gell? Zeit, den Namen mal zu übersetzen: "Dreifuß" (oder auch Stativ). Stimmt, drei Füße, aber einen Arm zur Decke streckt er auch aus. Der stalaktitische Teil ist kurz und gerade, die drei langen Beine dünn, teils umeinander gewunden oder zickzackförmig und enden in unterschiedlichen Füßen.

Zeit auch für den zweiten Teil der Aufgabe: Das Beweisphoto. Wer den Untertitel des Artikels im Hinterkopf hat ahnt es schon: Wasser läuft aus dem Tönnchen. Schade daß ich die Idee mit der aktuellen Tageszeitung für das Beweisphoto nicht wirklich umgesetzt habe, vielleicht hätte die ja die Kamera geschützt. Auch eine halbe Stunde grillen über der Acetylenflamme und frische Batterien haben die Kamera nicht zum Leben erweckt - wenn erstmal ein Tröpfchen auf der falschen Leiterbahn sitzt startet der Mikroprozessor vielleicht einfach nicht mehr.

Ich wurde vom Rest des Teams gleich dazu verdonnert, das Beweisphoto sofort am folgenden Tag nachzuholen, und zwar alleine. Glück gehabt - ich habe keine zweite Kamera im Reisegepäck! Lektion: Auch im Tönnchen alles (was ich mit den Blitzen schon lange praktiziere) in wasserdichte Beutel packen, Zweitkamera mit auf Befahrungen mit hohem Anmarsch*Ästhetik-Faktor nehmen, und Dichtungsgummis nach jeder Tour entnehmen, reinigen und leicht mit Silikonöl fetten.

Der Rückmarsch war übrigens ohne besondere Vorkommisse, außer vielleicht daß ich den "Direktweg" zwar gezeigt habe, wir aber wieder den langen Weg durch die Salle Belauce genommen haben. Zweieinhalb Mal so lang, 20 Höhenmeter mehr rauf und runter, und nur halb so spaßig - aber wenn der Erste schon nicht durch die Engstelle zu Beginn durch will, verzichte auch ich. Sonst kriecht man hinter der Schlammpfütze am tiefsten Punkt zwischen "Salle des Maccaronis" und "Salle Belauce" in eine Spalte (Kreuzung horizontaler und vertikaler Störungen, oben ist mehr horizontaler Charakter, unten mehr vertikaler, und der Übergang ist der Trick). Wo diese sich wieder öffnet, rutscht man eine herrliche Lehmrutsche herunter, wie eine dieser wellenförmigen Rutschen auf gewissen Jahrmärkten (in Rio heißen sie "toboggan"). Spaßig auch das Ende der Rutschbahn, dort wird es nämlich immer flacher und breiter, bis man einen 5 Meter breiten und präzise Culvertönnchen hohen Spalt vor der Nase hat, durch den man den Collecteur bereits hört und sogar sieht. Ich passe jedenfalls auch ohne Gurtzeugs nicht hindurch, nackt vielleicht, aber das wollte ich damals dann doch nicht testen. Man kann lange davor hocken und sich den Kopf zerbrechen, bis man sich mal umdreht: Groß wie ein Türrahmen öffnet sich dort ein Gang, knickt sofort nach rechts und man landet schwupps im Deckenbereich des Collecteurs, keine 10m flußaufwärts ebenjener Spalte.

Stunden später, genau um Ein Uhr morgens, ziehe ich mich aus dem Loch mit meiner Schleifsackkette. Das Essen war dann gegen Drei fertig - einer mußte nochmal in die Salle Hope zurück um ein verlorenes Teil zu bergen. War meine Laune durch die Verluste gedämpft? Kein bißchen - gegen so ein Erlebnis sind materielle Besitztümer unbedeutend. Und mein eigenes Foto des Tripode kann ich ja nachholen - noch steht er ja.

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Last modified: 15 April 2018.

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