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1337 / 212 Skifahrerloch - Ostwand

  • Veröffentlicht: Samstag, 04. Juni 2011 00:00
  • Geschrieben von Berti M

Das Schifahrerplumpsklo

04.06.2011, Bericht von Berti M
Die Gefährten: Johanna B, Roland K, Florian W. und ich.

In Ramsau entschieden wir uns spontan, den südlichen Weg durch die Ostwand des Edelweißlahners zu gehen, den einzigen Weg, den wir noch nicht kannten. Jürgen und Olli hatten bei der vorletzten Tour den Einstieg begutachtet und uns gesagt, das sei nicht machbar, senkrechtes Stahlseil und so... für uns Helden aber natürlich kein Grund, es nicht einfach zu tun. Damit es nicht zu einfach werden würde, war mein Rucksack über 31kg schwer.

Es stellte sich bald heraus, daß das für Florian die erste alpine Tour überhaupt war. Sein Rucksack war auch nicht leicht, und so ließen wir bald Federn. Nach einer halben Stunde deponierten wir Florians Seil, und kurze Zeit später befand sich sein enormer Rucksack auf dem kleinen Rücken von Johanna, die dadurch aus meiner Sicht zum ersten Mal überhaupt einigermaßen angestrengt und gefordert wirkte. Trotzdem hängten Johanna und ich, Roland und Florian bald ab. Mir dämmerte wieder einmal, warum es tatsächlich sein konnte, daß Johanna einst Ausbilderin bei einer polnischen Anti-Terror-Einheit war.

Die Stelle, die Jürgen und Olli beschrieben hatten, hatte es wirklich in sich. Etwa eine III ohne Sicherungsmöglichkeit (weil das Stahlseil nur lose herabhing) aber dafür sogar ein klein wenig ausgesetzt. Die Tritte und Griffe viel zu klein angesichts des Gewichts am Rücken. Allerdings ist die Stelle kurz, irgendwie klappte es dann doch.

Nach ein paar Stunden kam bei mir dann zum ersten Mal in meinem Leben ernsthaft der Gedanke auf, ein paar Sachen aus dem Rucksack zurückzulassen, ja ich hatte sogar schon die Lawinenschaufel in der Hand, um sie irgendwo zu deponieren. Jedoch bewirken diese Sekunden des Stehenbleibens und Durchatmens bei größerer Belastung offensichtlich sehr viel im Gehirn, und so besann ich mich wiederholt eines anderen und ließ alles im Rucksack.

Nach 6 Stunden mit viel Warterei kamen wir endlich an dem schönen Schacht mir den Felsbrücken an.

Dort wehten als angemessener Empfang für uns buddhistische Gebetsfähnchen á la Himalaya. Sogar eine kleine rote Buddha-Statue verlieh diesem Ort ihre Würde. Zuerst ärgerte ich mich aber, da ja so jeder sofort auf den Schacht aufmerksam würde, was bestenfalls zu weiteren Unfällen führt. Dann jedoch meinte Johanna, das könne nur eine Geste des Dankes von dem Glücklichen sein, der den Sturz hinein unbeschadet überlebte. Das rührte mich dann doch ein wenig, und so ließen wir die Szenerie unverändert. Bei der Vermessung 2015 sollten wir mehr darüber erfahren.

Beim Auspacken übergaben wir gleich ein paar Sachen an Johanna und Roland, die ja sonst kaum etwas hinunterzutragen gehabt hätten, und stellten dabei fest, was man alles unten hätte lassen können, haha.

Aus Zeitgründen verzichtete Johanna zum VIERTEN Mal darauf, endlich den Schacht zu befahren, obwohl sie extra ihr Schachtzeug hinaufgetragen hatte und machte sich mit Roland bald wieder an den Abstieg. Florian und ich stiegen in den Schacht ein.

Trotz des nicht gerade schneereichen Winters befand sich im Schacht, vermutlich einfach aufgrund der frühen Zeit im Jahr, sehr viel Firn und Schnee. Die Vereisung war spektakulär, nicht nur in ihren Dimensionen, sonden auch in der Formenvielfalt. Aus Sicherheitsgründen mußte ich jedoch das meiste abschlagen, sodaß es außer mir leider niemand sah! Fotos gibt‘s auch keine. Dabeisein ist Alles.

Es taute stark im ganzen Schacht und wir waren nicht besonders schnell, weil es für Florian der erste Schacht überhaupt war. Was für ein Einstieg für einen Schacht-Anfänger!! Besser geht’s kaum. Wir wurden bald sehr naß. Da es draußen sehr warm war, hatten wir nicht übermäßig viel unterm Schlaz an und froren somit bald.

Über dem Eingang zur kleinen Eisrutsche hing, wie letztes Jahr auch, eine dicke Eis-/Firn-Formation fast frei in der Luft. Letztes Jahr bin ich schon darauf herumgehüpft, aber es hatte gehalten. Dieses Jahr brach er nach ein paar Tritten unter mir weg. Der Brocken wog vielleicht eine halbe Tonne. Er fiel auf das Loch, durch das es weiterging und verstopfte es vollständig. Da das Seil leider schon hinabhing, wurde es vom Brocken eingeklemmt und war nicht mehr zu bewegen. Eine halbe Stunde lang schlugen wir mit dem Eishammer und der Lawinenschaufel auf das Teil ein, bis wir das Seil befreit hatten. Dann gruben wir uns unten durch und seilten weiter ab.

Im weiteren Verlauf des Schachtes verging zunehmend mehr Zeit mit dem Abschlagen enormer Eis- und Firnmassen von den Wänden. Außerdem war durch diese Massen viel weniger Platz vorhanden. Eine Abzweigung bei etwa -70m war allerdings offen, die letztes Jahr entweder mit Eis verschlossen war, oder die wir übersehen hatten.

Auf minus 80 m war es für Florian genug. Auch ich hatte keine große Hoffnung mehr, Neuland zu erschließen. Aber das Seil ließ sich nicht hinaufziehen. Der Endknoten hatte sich in eine Spalte gezogen. Also mußte ich weiter runter. Zumindest erkannte ich dort die Räumlichkeiten halbwegs wieder. Die dortige Eisschwerthalle war fast vollständig voller Firn, vom Eisschwert keine Spur, aber das Nadelöhr zum gleichnamigen Seitenschacht war offen. Allerdings waren auch hier die Wände von einer Eisschicht überzogen. Weiter oben hatte ich wegen dieser Eisschicht einige Anker nicht gefunden.

Der Aufstieg dauerte leider eine kleine Ewigkeit, während der es sehr unangenehm kalt wurde. Am Umsteiger bei der Biwakkammer richteten wir noch eine fixe Traverse ein, weil das Eis, auf dem man steht, sicher bald weg ist, und man sonst nicht mehr in diese Seitenkammer kommt. Dort, wo wir letztes Jahr biwakierten, hatte sich eine dicke Eisfläche gebildet, die aber noch genau die Form von damals hatte, sogar die Steine, auf denen wir gekocht hatten, sah man noch.

Noch bevor es dunkel wurde, hatten wir das Biwak fertig: In einer kleinen Doline auf einem Schneefeld, das wir vorher einebneten und mit Steinen unterfütterten. Auf den Schnee eine Plane und eine weitere darübergespannt, also eine klassische Dackelgarage im Bundeswehr-Stil. Dem Problem der Wasserbeschaffung konnten wir wieder nur mit Schneeschmelzen begegnen, was leider viel Brennstoff und Zeit verbraucht.

Am nächsten Tag gingen wir zum Jo-Schacht, in der Nähe vom Schifahrerschacht. Er war jedoch lückenlos gefüllt, auch hüpfen und stampfen ließ nirgends ein Loch aufbrechen.

Danach ruhte sich Florian in weiser Voraussicht auf den Abstieg etwas aus und schmolz viel Schnee für den Abstieg. Ich suchte derweil im Westhang des Edelweißlahners nach Höhleneingängen und Biwakplätzen. Es fand sich tatsächlich ein weiterer Schacht, der eine Befahrung wert sein sollte.

Beim Abstieg kam mir immer wieder der Titel „Warten auf Godot“ in den Sinn, warum auch immer... ich mußte das Stück nie sehen, gottseidank. Nach ein paar Ewigkeiten waren wir aber doch am Auto, und zwar unverletzt, das ist ja schließlich die Hauptsache.

Da wir dort oben nun über 200 Meter Seil haben, wäre es nun auch möglich, zu den zahlreichen Löchern in der Eisberg-Westwand und der Zirbeneck-Ostwand abzuseilen. Zuerst ist aber mal eine ausführliche Kataster-Recherche notwendig, auch im Hinblick auf den löchrigen Acker zwischen Edelweißlahner und Schottmalhorn.

Ergänzung 2015: Später taten Benedikt und ich genau das: Wir erkletterten die Wand von unten und seilten uns von oben ein Stück hinein. Dabei überprüften wir ca. 10 Löcher, von denen keines länger als 3m war. Mindestens 50 weitere Löcher stehen noch aus. Ohne eine Drohne scheint das aber eher sinnlos. Im Abstieg trafen wir ein Fernsehteam des BR, das einen Steinadlerhorst in eben dieser Wand filmte. Glücklicherweise hatten wir uns nicht genau dort, sondern in einen anderen Teil der Wand abgeseilt. Ein enger Informationsaustausch zwischen Nationalpark und Höhlenforschern wäre klasse.

Auch wenn die Ergebnisse dieser Tour leider recht dürftig und spärlich sind, so haben wir doch an Erfahrung gewonnen... August, September oder Oktober scheint für Eispfropfenschächte in dieser Höhe die beste Zeit zu sein.

Ergänzung 2015: Diese und alle anderen Touren vor der finalen Meßtour scheinen aus jetziger Sicht ziemlich sinnlos, hätte man das Loch doch sofort am ersten Tag komplett vermessen und abschließen können. Doch damals hatte ich von vielen Dingen noch nicht so viel Ahnung und war noch vergleichsweise schlecht ausgerüstet. Heute geht so etwas wesentlich schneller, siehe z.B. „Feuerhörndlschlund / Ihre Abgründigkeit", wo in 3 Tagestouren 334m Ganglänge bis in 236m Tiefe eingebohrt, vermessen und ausgebaut wurden. Was allerdings die vielen Einzeltouren über die Jahre gut gezeigt haben, ist die Entwicklung des Eis-Stands.


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