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1337 / 212 Skifahrerloch - Whiteout

  • Veröffentlicht: Sonntag, 07. November 2010 12:44
  • Geschrieben von Berti M

Neuland im Skifahrerloch/-schacht - drei Tage, statt zwei, unterwegs

07.11.2010, Bericht Berti M
Beteiligte: Bertie M, Johanna B, Roland K und Peter H

Samstag
Am Samstag stiegen wir mit Johanna und Roland über den "Eingeschossenen Steig" zur Diensthütte des Nationalparks auf, wo Roland in der Sonne zurück blieb. Die beiden Hunde von Johanna waren mit dabei und schlugen sich sehr wacker, auch im versicherten Teil des Steigs stürzten sie nicht ab. Unser Gepäck war riesig, deshalb trug Roland einen kleinen Teil von Peters Ausrüstung und Johanna transportierte 100 Meter 10mm-Statikseil. Diese 100m Seil sind jetzt zusammen mit einem knappen Kilo Esbit, einem Feuerzeug, zwei Fertiggerichten, vier 8mm-Ankern, vier Laschen und zwei Schraubgliedern in der Nähe des Schachts wettergeschützt deponiert, damit beim nächsten Vorstoß weniger Material den Berg hinauf getragen werden muß.

Am Eingang angekommen und eingeschlazt, bohrten wir gleich zwei neue Anker ein, mit der Absicht, die Seilreibung am Fels zu vermeiden und den ersten Umsteiger auslassen zu können. Der Umsteiger nach 3m war tatsächlich nicht mehr nötig, der Felskontakt wurde auf ein Minimum reduziert. In Zusammenhang mit einer Umlenk-Konstruktion für den Materialtransport hinunter und hinauf, wird sich der Felskontakt beim nächsten Mal ganz vermeiden lassen.

Als wir endlich das Gepäck bis zur „Biwakkammer“, der ersten Seitenkammer etwa 5m unterhalb der Spitze des Haupt-Firnpfropfens, geschafft hatten, konnten wir mit der Erkundung des Neulands beginnen. Weitere 5m unterhalb der Biwakkammer beginnt die „Kleine Eisrutsche“, 70° steil im Eis, 10m lang, auf einer Seite Fels, leicht linksgekrümmt, abwärts gesehen.

Die kleine Eisrutsche ist nur eine von etwa 3 Möglichkeiten auf dieser Seite des Hauptpfropfens. Die andere Seite hat sich bisher noch niemand anschauen können, ist aber ähnlich verheißungsvoll. Die anderen beiden Fortsetzungen befuhren wir nicht, weil wir erst das Ende einer Richtung finden wollten. Über der kleinen Eisrutsche setzte ich den nächsten Umsteiger, nach dem bei der Biwakkammer. Folgend einem senkrechten, großräumigeren Teil kommt man auf einen Eis-/Firnabsatz, auf den viel Wasser drauftropft.

Dort war wieder ein Anker nötig, von dem aus man die „Große Eisrutsche“ hinabfährt, 80° steil, 20m lang. Die große Eisrutsche birgt mehr noch wie einige Stellen zuvor die Gefahr abbrechender Eis- und v.a. Firnmassen. Mehr dazu später. Diese Rutsche mündet in die „Eisschwerthalle“, etwa 12m lang, bis zu 4m breit und 12m hoch. Wenn man in die Halle hinein abseilt, trifft man beinahe auf die Spitze des namensgebenden Eiszapfen, der etwa 1m aus dem Boden ragt. Unter dem „Eisschwert“ findet sich eine der zwei größeren Fortsetzungen, es ist wohl die Verheißungsvollere.

Seitlich aus der Eisschwerthalle hinaus führt eine 8m hohe Engstelle, beiderseits aus Fels, durch die man sich stehend gerade so durchquetschen kann. Dahinter befindet sich der 15 bis 18m tiefe „Nadelöhrschacht“. Dieser Schacht steht abseits vom Hauptschacht und hat eine Felsdecke, was man als sehr angenehm empfindet, weil Fels doch weniger Neigung hat, abzubrechen, als Eis oder Firn. Der Schacht hat sehr harmonische Dimensionen, das Seil hängt komfortabel und frei. Der Grund des Schachts auf etwa -115m Tiefe ist erstaunlicherweise wieder Firn, mit tiefen, schmalen Löchern vom Tropfwasser. Zwei enge und nasse Fortsetzungen am Rand dieses Pfropfens sind etwa 10m tief einsehbar. Somit erstrecken sich Eis und Firn vertikal über mindestens 75 Meter. Das Eis muß dementsprechend sehr alt sein.

Horizontal kann man vom Grund des Nadelöhrschachts etwa 25m weitergehen und befindet sich damit in der „Gletscherhalle“, welche vermutlich wieder Teil des Hauptschachts ist, da die Decke größtenteils aus Eis besteht und die Hälfte der Wände ebenfalls. Die Struktur des Firns dort läßt darauf schließen, daß Neuschnee bis hier herunter rieselt und sich so stets neuer Firn bildet, und das weit unterhalb großer Eismassen. Der Skifahrer hätte übrigens mit etwas weniger Glück auch bis in die Eisschwerthalle auf etwa -100m hinunterfallen können, wo ihn wohl so bald niemand gefunden hätte. Er wäre dort außerdem durch die Bewegungen der Retter auf ihrem Weg hinab sogar noch weiter von Schnee, Firn und Eis überschüttet worden.

Am Samstag abend gegen 21:00 (?) etwa brachen wir die Forschung in der Eisschwerthalle ab, da es spät, naß und kalt war. Nadelöhrschacht und Gletscherhalle kamen erst am Sonntag dazu. Zurück in der "Biwakkammer" teilten wir uns die Aufgaben. Peter richtete die Kochstelle ein und verräumte Ausrüstung, ich schlug eine ebene Fläche in den Schneekegel, der den „Boden" dieser Kammer darstellt.

Während des Essens stellten wir fest, daß es doch über den Schlafplätzen von der Decke tropfte, was wir vorher nicht gemerkt hatten, weil die Tropfen in relativ großen Zeitabständen fallen. Wir verspannten Peters praktische Plane über unseren Köpfen zwischen den Felswänden und der Eis-Skulptur im Eck. Als Boden diente mein Biwaksack. Herunterfallen konnte man von dem teils hängenden Pfropfen, auf dem wir schliefen, auch nicht, weil vor dem Abgrund noch ein dickes „Geländer“ aus Firn von der ursprünglichen Form des Kegels übrig war, siehe Fotos.

Das Essen war lecker, es war sehr gemütlich im Biwak. Ein paar feuchte Kleidungsstücke nahm ich mit in den Schlafsack, worin sie über Nacht tatsächlich trockneten, im Gegensatz zu meiner Hose auf der Wäscheleine, die wurde leider permanent von Tropfen getroffen und war am nächsten Morgen nicht mehr einsatzfähig. Wir schliefen beide gut und lang.

Sonntag
Erst um halb 10 fingen wir mit dem Zusammenpacken an. Das Vorbereiten und Umpacken der vielen Ausrüstung verschlang einige Zeit.

Dafür ging die Abfahrt bis zur Eisschwerthalle jetzt schon deutlich schneller. Ein oder zwei Zwischenanker setzten wir noch, damit das Seil den Fels nicht berühren würde. An einem der beiden Anker, in der großen Eisrutsche, stand ich auf einem Firnüberhang, der am Tag zuvor anscheinend keinem von uns besonders aufgefallen war. Ich hüpfte einmal, und mit einem Ruck hing ich wieder im Seil und der Kubikmeter, auf dem ich stand, polterte die Rutsche hinab, blieb nach ein paar Metern zwischen Eis und Fels stecken und erfüllte dort den ganzen Querschnitt. „Gut, daß das gestern nicht durch das Seil ausgelöst wurde, während wir uns darunter befanden“ dachte ich mir. Umso gründlicher schlugen wir im weiteren Verlauf den Firn von den Eiswänden.

Firn bildet sich über die ganze vertikale Erstreckung des Eisteils, weil der Neuschnee von oben herabrieseln kann. Für die weitere Forschung wäre es hilfreich, die eine oder andere Stelle abzudecken, damit beim nächsten Mal nicht wieder neuer, instabiler Firn am Eis klebt. Das Einbohren der Anker in der Eisschwerthalle und dem Nadelöhrschacht und die Befahrung derselben dauerte bis zum frühen Nachmittag. Dann stiegen wir wieder auf, Peter zuerst, der das Biwak abbaute, während ich das Seil ausbaute. Hängen lassen können hätte man nur das Seil im Nadelöhrschacht, da es dort nicht naß wird. In den anderen Teilen rinnt permanent Wasser am Seil entlang, im oberen Schachtteil würde das Seil früher oder später wohl auch vereisen.

Der Transport des vielen Gepäcks hinauf zum Ausgang war nicht einfach. Es blieb unterwegs immer wieder mal kurz hängen und war schwer hinaufzuziehen. Für einen Flaschenzug war wenig Platz, bzw. das hätte zu lange gedauert. Beim nächsten Mal wollen wir eine Umlenkrolle über der Mitte des Schachtmunds aufhängen oder von der gegenüberliegenden, leicht überhängenden Seite des Schachts abseilen. Mehr Leute wären dabei ebenfalls sehr hilfreich.

Bis wir beide oben waren, war es aufgrund mannigfaltiger Komplikationen dann doch schon dunkel... Der Abstieg war anstrengend (naß=schwerer), aber wir fanden die Markierung immer, gute Lampen hatten wir ja. Bis Mitternacht würden wir locker daheim sein – dachten wir uns... Bei der Senke zwischen Edelweißlahnerkopf und Nationalparkshütte bogen wir jedoch zu früh und zu stark nach links ab, weil wir die Hütte nicht sahen, da sich dichter Nebel gebildet hatte und weil die Abzweigung der Markierung durch keinerlei Wegweiser angezeigt wird. Wir gingen noch lange Zeit an der Markierung entlang, bis wir uns wirklich sicher waren, auf dem falschen Weg zu sein. Ein kleiner Wegweiser an der Kreuzung bei der kleinen Hütte hätte ALLES Kommende verhindert. So nahmen wir die Kreuzung als solche gar nicht war. Es fing außerdem an zu schneien, die Sicht betrug etwa 15 Meter und wir vermuteten, daß wir schon weit in Richtung Traunsteiner Hütte gelaufen waren, also in die falsche Richtung, mitten auf das unübersichtliche, karstige Plateau.

Mehrmals kamen wir von der Markierung ab, gingen zurück zur letzten, suchten die nächste usw., was wieder Zeit kostete. Als wir gegen Mitternacht schließlich an einem verfallenen Kaser vorbeikamen, beschlossen wir, dort erneut zu biwakieren. Es war kaum noch ein Holzbalken auf dem anderen und alle waren extrem morsch, aber es lagen viele davon herum. Wir schlichteten so viele wie möglich aufeinander, bis wir vier Wände von gut einem Meter Höhe hatten. Plane und Biwaksack darübergespannt deckten drei Viertel des Raums ab.

Es schneite zunehmend mehr, und warm war uns auch nicht gerade. Fertiggerichte hatten wir keine mehr, zu essen gab es etwas Brot und Müsliriegel. Dazu schmolz Peter in seinem Benzinkocher Schnee. In dem heißen Wasser schwammen allerdings viele organische Teile aus dem Boden, auf dem der Schnee lag. Bei mir waren v.a. die Füße kalt. Beim Auswringen der beiden Paar Socken, die ich übereinander getragen hatte, britschelte es richtig heraus. Das eine Paar zog ich wieder an. Die erste Stunde lang waren die Füße deshalb kalt im Schlafsack, am Morgen jedoch schön warm und die Socken trocken. Auch bei einigen anderen Kleidungsstücken bewährte sich erneut das Trocknen durch Körperwärme. So komfortabel wie in der Nacht zuvor war es allerdings nicht.

Montag
Das Aufstehen am Morgen war auch nicht so angenehm. Ich konnte es kaum fassen, in welcher Umgebung ich mich wiederfand, und wollte es nicht wahrhaben, daß ich jetzt wieder raus aus dem Schlafsack in die Kälte sollte. Nach etlichen Verzögerungen („Fünf Minuten gehen schon noch...“) und einem spartanischen Frühstück ging es dann aber doch wieder los.

Wir beschlossen, den Weg, den wir in der Nacht zuvor gegangen waren, wieder zurückzugehen bis zur kleinen Hütte. Markierungen waren jedoch wegen 15cm Neuschnee nicht mehr sichtbar und unsere Spuren waren auch nicht mehr eindeutig wahrnehmbar, wohl auch, weil wir uns zuletzt ein wenig im Kreis bewegt hatten.

Die Sonne war bei unserem Aufbruch ein einziges Mal kurz zu sehen. Dadurch hatten wir immerhin für eine gewisse Zeit wieder eine Himmelsrichtung, denn Kompaß oder GPS hatten wir nicht dabei, ein großer Fehler. Was nächstes Mal ebenfalls nicht fehlen sollte, sind Neoprensocken, die auch nasse Füße warm halten.

In den kommenden Stunden sollte eine sehr interessante Kette von Entscheidungen und Erkenntnissen folgen... Wir beschlossen, uns möglichst Richtung Osten zu bewegen, wo sich die kleine Hütte am „Eingeschossenen Steig“ befindet, und fanden zuerst sogar noch die eine oder andere Markierung, später nur noch Steinmännchen. Die Steinmännchen waren teilweise bestimmt 50 Jahre alt, hatten mit einem Weg nichts mehr zu tun und standen meist nur sporadisch herum. Zu sehen waren sie wegen des Schnees und ihrer geringen Höhe eh kaum. Meist waren es nur ein bis drei Steine auf einem Fels.

Die Sonne kam nicht wieder, die Sicht schwankte zwischen 15 und 200 Metern. Wir verwechselten einen kleinen Berg mit einem, auf dessen anderer Seite die Hütte steht, versuchten ihn zu erklimmen, gaben auf, wegen Latschen und extremer K(G)arstigkeit des Geländes. Zu dieser Zeit fingen wir an, über Handyortung zu sprechen und kamen auch bald auf Bergrettung, Zeit- und Wetterverhältnisse und ein eventuelles drittes Biwak. Noch ging es uns gut, aber Brennstoff- und Essensvorräte hatten wir kaum noch, ein Großteil der Ausrüstung war feucht bis naß. Die Zeit war gegen uns. Wir hatten außerdem eigentlich keinen wirklichen Schimmer, wo wir sein könnten. Peters Handy-Akku würde bald leer sein, meiner war auch nicht mehr voll.

Schließlich rief ich Roland an und bat um eine Ortung meines Handys, damit er mir unsere Koordinaten senden kann. Eine Karte hatten wir ja. Roland verständigte die Leitstelle Traunstein. Das ging jedoch nicht so ohne weiteres mit dieser Ortung. So versuchten wir, Bekannte von Peter bei der Bergwacht Freilassing um Rat zu fragen. Diese waren leider gerade beschäftigt.

Inzwischen versuchten wir, uns konsequent nach Osten zu bewegen, wobei wir uns an der Seite der Bäume orientierten, an die der Schnee geweht worden war. Das Gelände wurde zwischendurch immer wieder schwierig, es kamen leichte Kletterstellen, steile Hänge, Gräben, schmale Felsbänder, alles schneebedeckt, rutschig, anstrengend. Wir hofften, irgendwann den Rand des Plateaus zu erreichen und dort unsere Position ermitteln zu können oder vielleicht sogar einen Abstieg zu finden. Dabei bewegten wir uns aber insgesamt nicht gerade schnell vorwärts.

Nach weiteren Überlegungen entschlossen wir uns, das Risiko durch die verstreichende Zeit nicht noch weiter zu vergrößern und ein Rettungsgesuch zu entsenden, um möglichst vom Hubschrauber abgeholt zu werden. Uns wurde jedoch leider gesagt, was wir schon ahnten, nämlich daß das Wetter keinen Hubschrauberflug zulasse.

Schließlich brachen zwei Rettungsmannschaften zu Fuß in Richtung unseres vermuteten Standorts auf. Meine Zuversicht erreichte bald einen Tiefststand, denn mir schien es kaum möglich, daß uns zu Fuß irgendwer innerhalb der nächsten 20 oder 30 Stunden finden könne. Ich drängte daher darauf, stets weiter nach Osten zu marschieren, um den Durchbruch durch die feindlichen Linien... ääähm... den Rand des Plateaus irgendwo zu erreichen. Mehrere Telefonate folgten, jedoch hatten wir auch immer wieder eine Zeit lang keinen Empfang.

Etwa 1,5 Stunden nach der offiziellen Alarmierung und der Endsendung der „Bodentruppen“ geschah dann das Wunder: In einem Moment und von einem Ort aus, wo wir es nie und nimmer erwartet hätten, sahen wir plötzlich die kleine Hütte der Nationalparkverwaltung wieder.

Mich überkam ein irres Glücksgefühl, wir hatten es geschafft. Handyempfang hatten wir noch keinen, erst nach über einer halben Stunde, an der Hütte schon vorbei, konnten wir der Bergwacht Entwarnung geben. Zwei Kameraden kamen uns im Abstieg auf dem "Eingeschossenen Steig" noch entgegen und wir tauschten Rucksäcke, was die Erleichterung auf diesem letzten Wegteil perfekt machte.

Herzlichen Dank an Peter für die gelungenen Fotos! Er hatte auch in der anstrengendsten Situation noch die Kraft, seine Kamera ruhig zu halten :-)


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