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1337 / 212 Skifahrerloch - Ersterforschung

  • Veröffentlicht: Sonntag, 10. Oktober 2010 13:57
  • Geschrieben von Roland Konopac

Skifahrerschacht - gesucht und gefunden

10.10.2010, Bericht Roland Konopac
Beteiligte: Berti M, Florian S, Johanna B, Jürgen W, Oliver A, Oliver W und Roland K

Ersterforschung

Der Schacht liegt auf dem nach Osten ziehenden Rücken des Edelweisslahners, 2 Meter nördlich des Sommerweges (runde rot auf weiße Markierungen) auf etwa 1790 m Höhe. Wir haben eine rote Plakette mit der Aufschrift VHM München angebracht.

Am Schachtkopf teilt eine Naturbrücke die Öffnung in zwei Hälften. Nach ca. 5 Metern findet sich ein Umsteiger, dem eine direkte Abfahrt von ca. 45 Metern auf den Altschneekegel folgt. Dieser hatte eine Randkluft in direkter Verlängerung, die auf weitere 20 Meter eingesehen werden konnte. Auf der Nordseite findet sich eine Erweiterung des Schachtes, ein Raum von etwa 25 M² der Eisformationen enthielt. Den Boden bildete Eis, welches analog dem Hauptschacht den Weiterweg nach unten im Grundriß versperrt.

Zwischen Schacht und Raum findet sich erneut eine Naturbücke, unter welcher sich der Schacht weiter in die Tiefe fortsetzt. Mit Blick vom Hauptschacht in den Raum haben wir einen dritten Anker rechterhand gesetzt. Die Höhe des hängenden Altschneekegels schätze ich auf eine Höhe von mehr als 25 Meter. Unterhalb des dritten Ankers folgten wir dem Schacht bis auf eine Tiefe von 70 Meter. Dann hatten wir kein Seil mehr.

Zwei mögliche weitere Fortsetzungen, beide etwa 70 Grad steil, führten von einer weiteren Felsbrücke zwischen all dem Eis weiter dem Hauptschacht folgend tiefer. Die eine führt unter dem Pfropfen des Seitenteils durch, die andere unter dem Hauptpfropfen, beide bestehen in dieser Tiefe aus massivem, blauem Eis. In der westlichen gleitet Material ca. 30 Meter weiter. Die Röhre ist möglicherweise durch Luftzug geformt, auch wenn am 10.10.2010, bei 5 Grad Außentemperatur kein Luftzug deutlich merkbar war. Damit schätzen wir die Tiefe des Schachtes auf wenigstens 100 Meter.

Wir haben keinen Endpunkt erreicht.

10.10.2010, Bericht Berti M

Seit langem hatten wir diese Befahrung geplant. Der Entdecker und Namensgeber des Schachtes ist ein Alpinist, der bei der Abfahrt einer Skitour in den Schacht hineinfiel, von der Bergwacht gerettet wurde und überlebte. Den interessanten Bericht dazu findet man hier: http://www.innsalzach24.de/bayern/grosseinsatz-edelweisslahner-ro24-721298.html. Im Jahre 2015 sollten wir noch mehr über das Ereignis in Erfahrung bringen.

Roland, Johanna, Jürgen, Oliver A und ich machten uns auf den Weg Richtung Edelweißlahnerkopf, an dem der besagte Schacht diesen Sommer von ihnen, Oliver W und Florian wiedergefunden wurde. Dafür wurden Fotos der Bergwacht verwendet, deren Aufnahmeperspektive auf den Ort des Eingangs rückschließen ließ. Dabei fand sich auch ein weitere unbekannter Schacht in der näheren Umgebung.

Aufgrund von Mißverständnissen wurden 190m Seil hinaufgetragen – etwas zu viel. Der Aufstieg von Ramsau war mit diesem Gepäck anstrengend. Nach zwei Stunden kehrten Jürgen und Olli aus konditionellen Gründen wieder um. Sie wollten am Auto auf uns warten.

Nachdem ich nur 30 Meter Seil dabei hatte, übernahm ich das 80m Seil, welches Olli bis hierher getragen hatte und hatte somit 110m Seil, Bohrhammer, Akku, Gurt, Anker, Klemmkeile uvm. zusätzlich zur normalen Ausrüstung im Rucksack. Der Rest des Aufstiegs schlauchte daher schon etwas. Nächstes Mal würde ich dennoch lieber länger als einen Tag oben bleiben. Auch die großen Rucksäcke von Johanna und Roland waren randvoll. Erst um 13:00 Uhr waren wir am Ziel.

Als wir an dem Schacht standen, konnten wir kaum glauben, daß jemand solch einen Sturz derart gering beschadet überstehen konnte. Wenn am Boden des Schachts nicht ein heller Schneefleck sichtbar wäre, hätte man den Eindruck, geradewegs in die Hölle hinabzublicken. Fünfzig Meter sind es etwa bis zum Schneekegel, der den weiteren Schachtverlauf scheinbar vollständig verstopft. Die Felswände haben eine Struktur, die an Ork-Festungen aus Herr der Ringe erinnert. Über den Schacht spannt sich eine natürliche Felsbrücke, eine weitere überspannt einen Nebenzugang. Licht und Schatten lassen den Schacht besonders von unten sehr beeindruckend wirken. Zahlreiche natürliche Sicherungsmöglichkeiten machen einen Einstieg in den Schacht von jeder Seite leicht möglich.

Roland befestigte eine dicke runde rote Plakette an einem 8mm Anker an mit Aufschrift „VHM“. Nach fünf Metern bohrte er einen Umsteiger im Schacht, von dort an dann hing das Seil perfekt bis zum Schneekegel. Als ich nachkam, fragte mich Johanna noch vor dem Umsteiger, ob ich nicht mein Licht anschalten wollte. Ich griff mir an den Kopf und spürte dort nur meine Mütze. Sogleich kam mein Helm an einem weiteren Seil herunter.

Als ich unten war, befand sich Roland noch am Seil, unbequem auf der Spitze des Schneekegels stehend. Er sagte mir nur „Hier is heut Schluß, zwar geht es noch tiefer, das war´s aber heute trotzdem, kannst wieder rauf gehen, ich komm Dir sofort nach.“ Roland balancierte auf der glatten Eisspitze des Eiskegels und fühlte sich in der Position sichtlich unwohl. Mir aber gefiel es nicht, daß jetzt schon Ende sein sollte. So wirklich Neuland hatte ich bisher noch kaum befahren. Auf mehreren Seiten war der Firnkegel teilweise weit über einen Meter von der Wand weg abgeschmolzen und man konnte noch viele Meter nach unten schauen. Der Schacht wird außerdem zunehmend breiter. So seilte ich mich weiter ab bis zu einem Seitenraum mit ein paar Eisformationen darin. Dort stand ich wieder auf einem Firnpfropfen.

Während Roland auf Rückkehr zur Oberfläche drängte, sah ich mich um und überlegte, warum hinten im Seitenschacht der Pfropfen über Eis mit der Wand verwachsen war, während die andere Seite eine riesige, sehr tiefe Kluft aufwies, wie sie vom Hauptschachtpfropfen weg auch noch nach anderen Seiten verlief. Zur Zeit unserer Anwesenheit im Schacht gab es kaum einen nennenswerten Temperaturgradienten zwischen Oberfläche und der Jahresmitteltemperatur. Dennoch sahen die Röhren und Klüfte zwischen Firn/Eis und Fels so aus wie von warmem Wind geformt.

Wie sollte die überall vorhandene Gebirgswärme alleine weitab von Einflüssen durch atmosphärische Strahlung und Konvektion meterdicke Eisschichten abschmelzen?

Ich erinnerte mich an Randklüfte kleiner Altschneefelder und Gletscher, die trotz Erwärmung des Gesteins durch Sonne und Luft wesentlich kleiner waren als hier im Schacht. Es muß also zu anderen Zeiten ein kräftiger Wind durch den Schacht wehen, was große Hohlräume im Berg vermuten läßt. Meine ohnehin riesige Motivation erfuhr noch einen Schub und ich brachte Roland dazu, in die Seitenkammer hinabzukommen. Von dort aus betrachteten wir die eisigen Röhren, die weiter in die Tiefe führen. Ein weiteres Seil wurde nötig. Bei Johanna an der Oberfläche lagen noch 110 Meter, die quasi versehentlich auf den Berg transportiert wurden. Mit ihr hatten wir Kontakt über Funk, was ich extrem praktisch fand. Sie wäre mit Freuden in den Schacht gekommen, hätte sie Gurtzeug gehabt. Hatte sie jedoch nicht, das restliche Seil hätte alternativ deshalb einfach heruntergelassen werden können. Als ich Johanna über Funk den Stand der Dinge beschrieb, hielt Roland seinen Eishammer über meinem Kopf, für den Fall, daß ich sie bitten würde, ein weiteres Seil hinabzulassen... ich sprach also nicht davon.

Er wollte zeitig zu den anderen Kameraden am Auto zurück, diese nicht übermäßig warten lassen und auch nicht erst um Mitternacht heimkommen. Wir müßten sowieso wiederkommen. Später stellte sich jedoch heraus, daß Olli den nächsten Tag schon vorsorglich freigenommen hatte und Jürgen eh erst mittags mit der Arbeit beginnen würde...

Immerhin hingen noch über 10m in die Tiefe hinab. Beim weiteren Abseilen versuchte ich, so viel Eis und Firn wie möglich abzuschlagen, damit später nichts auf mich fallen konnte. Schwer und klirrend fielen Eisblöcke in die Tiefe. Nach einigen weiteren Metern näherte ich mich dem Endknoten des Seils und stand auf einer weiteren Felsbrücke mitten im Eis. Zwei verheißungsvolle Fortsetzungen boten sich dort an, beide etwa 70 Grad steil, weiter dem Hauptschacht folgend. Die eine führte unter dem Pfropfen des Seitenteils durch, die andere unter dem Hauptpfropfen, beide bestehen in dieser Tiefe aus massivem, blauem Eis. Insgesamt ist dies aber nur die eine von zwei passierbaren Seiten des Hauptschachts. Zwei riesige Brocken, die ich losgetreten hatte, verstopften den einen Gang, ich trat und schlug darauf ein und wuchtete sie schließlich hinab. Dauer und Charakteristik der Fallgeräusche lassen auf bis zu 30m Tiefe, über eine lange Schräge mit einer ebenen Fläche am Ende schließen.

Ich hing kurz vor dem Endknoten am Seil. Roland ließ sich leider immer noch nicht dazu bringen, mit einem weiteren Seil weiterzumachen, mir aber fiel die Umkehr sehr schwer. So drehte ich noch ein kleines Video von grottig mieser Qualität und stieg wieder auf.

Da Roland nach mir aufstieg, kaum daß ich den Umsteiger überwunden hatte, blieb ich in der Nische darüber sitzen, weil ich beim restlichen Aufstieg womöglich Steine losgetreten hätte, es lagen noch viel zu viele davon herum. Dennoch geschah es: Roland hatte die Hälfte der Höhe, da rieselte es irgendwo, und ein Stein von einigen wenigen cm³ traf ihn exakt auf einen Fingerknöchel. Er gab Geräusche von Unmut von sich...

Als er wenige Meter unter mir war, löste sich ein mehr als faustgroßer Stein, der vermutlich zwischen dem Schleifsack, der noch halb an mir hing und der Felswand nicht sichtbar eingeklemmt war, fiel hinab und traf erst die gegenüberliegende Wand und dann Roland am Helm und an der Schulter. Er schrie auf und mich durchzuckte Entsetzen.

Im selben Moment suchte ich bereits nach weiteren Fixpunkten, um aus meiner Position einen Flaschenzug zu Rolands Rettung zu basteln. Roland hatte nicht so viel Schaden davongetragen, wie der Schrei vermuten ließ, redete endlich mal viel, ausführlich und detailliert und stieg weiter auf. Als er aus dem Schacht draußen war, wurde Roland zunehmend kommunikativer, man merkte ihm große Erleichterung an. Johanna zeigte mir noch kurz einen weiteren Schacht, dessen Grund ebenfalls vielversprechend aussah.

Roland beschloß, mit uns einen anderen Abstieg zu gehen, Jürgen und Oliver würden uns unten abholen. Der Abstieg war nicht nur einfacher, die Zeit verging auch schnell mit viel Unterhaltung über unser interessantes neues Forschungsobjekt. Dunkel wurde es dann doch erst kurz vor dem Auto.


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